Musée Suisse du tir Berne

15.02.2021: Der nackte König und die silberne Punschbowle

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Am 15. November 1887 erreichte Bankdirektor Yersin, Präsident der 1885 gegründeten «Schützenstube» und Vorgängerin des heutigen Schützenmuseums, ein Schreiben des «Comité d’Organisation de Tir Fédéral Genève 1887». Darin wurde ihm freundlich, aber bestimmt mitgeteilt, dass «la coupe du roi de Hollande» nicht in die Schützenstube retourniert werden könne, denn das gute Stück befinde sich zur Zeit im «Musée des Arts décoratifs de la Ville de Genève», wo es von der Öffentlichkeit bewundert werde. Die Rede ist von einem der wichtigsten und schönsten Objekte in den Sammlungen.

Die silberne Deckelschale, in den staubigen Akten der Schützenstube wahlweise auch als «Punschbowle» oder eben «Königspokal» bezeichnet, liess König Wilhelm III. der Niederlande (1817–1890) gemäss Inschrift als Geschenk an den Schweizerischen Schützenverein für das Eidgenössische Schützenfest 1876 in Lausanne anfertigen.

Der edle Spender, mit vollem Namen Wilhelm Alexander Paul Friedrich Ludwig von Oranien-Nassau, war kein Unbekannter, wenngleich er diese Bekanntheit weniger seinen Fähigkeiten als Staatsmann (er regierte 41 Jahre lang), als vielmehr seinem etwas zweifelhaften Ruf, der ihm den Übernamen «König Gorilla» (Uit het leven van koning Gorilla) einbrachte, zu verdanken hatte. Glaubt man Wikipedia, frönte er in der Tat einem recht ausschweifenden Leben. Neben vier ehelichen Kindern mit zwei Frauen, zeugte er nebenher noch mindestens 11 (vermutlich mehr) aussereheliche Nachkommen (man darf sich in der Tat die Frage erlauben, wie er es nebenher noch zu Stande brachte, seine Regierungsgeschäfte ordnungsgemäss zu bestellen). Seine zweite Ehefrau, die 20-jährige Emma zu Waldeck und Pyrmont, heiratete er, als er selber 62-jährig war. Die Tochter Wilhelmina Helena Pauline Maria von Oranien-Nassau (1880–1962) folgte ihm als erste Königin der Niederlande auf den Thron.

1875 wurde dem König in der Schweiz wegen exhibitionistischem Verhalten eine Geldstrafe auferlegt. Man munkelt, er hätte nackt gebadet. Offenbar hat dieses Ereignis seinen Eindruck aber keinesfalls getrübt. Gar das Gegenteil war wohl der Fall, wenn man bedenkt, dass der «dankbare Fürst» im Folgejahr den genannten Pokal – so jedenfalls berichtete es die Zeitschrift Tell (Nr. 44 vom 29. Juli 1876) – «als Erinnerung an seinen Aufenthalt in der schönen Waadt» den schweizerischen Schützen widmete.

Ob des Königs Verhalten in der Tat so unpassend war, dass es dasjenige von anderen Herrschern Europäischer Königshäusern in den Schatten zu stellen vermochte, bedürfte einer eingehenderen Prüfung und muss daher im Moment offen bleiben. Was dagegen feststeht ist, dass der König ganz offensichtlich fundierte Kenntnisse der Schweizer Geschichte und ein grosses Flair für Kunsthandwerk besass. Davon jedenfalls zeugt seine Punschbowle. Gestaltet wurde sie vom französischen Bildhauer Émile-Coriolan Guillemin (1841–1907). Zur Erstellung wurden, so sagt man, 57 Pfund (ca. 25.85 kg) Silber verwendet. Die Feinausarbeitung ist exquisit und beeindruckend. Die Vorderseite des Pokals zeigt die Schlacht bei Sempach vom 9. Juli 1386 mit Arnold von Winkelried, der sich der Legende nach in die Lanzen der Feinde geworfen hat, um mit seinem Opfertod den Sieg der Eidgenossen gegen die Habsburger herbeizuführen. Auf der Rückseite ist die Schlacht bei Murten dargestellt, die am 22. Juni 1476 zwischen Truppen der Eidgenossenschaft und des burgundischen Herzogs Karl des Kühnen (1433–1477) ausgefochten wurde. Den Deckel ziert Wilhelm Tell mit Sohn Walter.

Das königliche Geschenk an den Schweizerischen Schützenverein blieb vorerst in Lausanne. 1879 wurde beschlossen, dass der Pokal an den jeweiligen Festort eines Eidgenössischen Schützenfest zu verbringen, zwischenzeitlich aber in der Schützenstube aufzubewahren sei. Nach dem Fest 1887 in Genf verblieb er dann länger als geplant in der Stadt und wurde im Museum ausgestellt. Wann genau er in die Schützenstube zurückkehrte ist unklar. Unklar ist zudem, ob er jemals seine Zweckbestimmung als Punschbowle erfüllte.

Regula Berger 
Direktorin im Schweizer Schützenmuseum, die heimlich davon träumt, sich einmal einen Schluck aus der königlichen Punschbowle zu genehmigen (was selbstverständlich aufgrund konservatorischer und ethisch-musealer Vorgaben für immer genau das bleiben wird – ein Traum).


Fotografie: Pokal von König Wilhelm III. der Niederlande im Schützenmuseum Bern (Ausschnitt). Den ganzen Pokal gibt es bei einem Besuch im Museum nach Wiedereröffnung zu bestaunen.