Museo svizzero del tiro Berna

22.02.2021: Akademisches Schützenwesen - Teil 4

Unknown.jpeg (1)

Es erstaunt nicht weiter, dass Persönlichkeiten aus dem Schützenwesen zugleich Mitglied einer Studentenverbindung waren. Denn beide Bewegungen besassen vor allem im 19. Jahrhundert sehr ähnliche politische Motivationen. Genauere Untersuchungen dazu stehen aber noch aus. Zu den herausragenden Vertretern zählen die beiden Waadtländer Politiker Henri Druey und Louis Ruchonnet.

Henri Druey (geb. 1799 in Faoug, gest. 1855 in Bern) studierte Recht an der Akademie in Lausanne und an den Universitäten in Tübingen und Heidelberg. Während seinen Studien in Deutschland trat er jeweils in eine lokale Studentenverbindung ein. Nach seiner Rückkehr wurde er 1828 Anwalt in Moudon und wandte sich der Politik zu, zuerst 1831 als Staatsrat und ab 1848 als Bundesrat. In dieser Funktion blieb er bis zu seinem Tode. Zwischen 1836 und 1838 war er elfter Zentralpräsident des Schweizerischen Schützenvereins (SSV).

Louis Ruchonnet (geb. 1834 in Lausanne, gest. 1893 in Bern) studierte ab 1850 Recht an der Akademie Lausanne, wo er gleichenjahrs den beiden Studentenverbindungen Belles-Lettres und Helvetia Lausanne beitrat. 1859 eröffnete er sein Advokaturbüro in Lausanne, 1863 wurde er Grossrat, 1868-74 war er Staatsrat. 1866 wurde er in den Nationalrat gewählt, den er 1869 und 1874/75 präsidierte. 1881 wurde er schliesslich in den Bundesrat gewählt und starb ebenfalls im Amt. Zwischen 1876 und 1877 war er 31. Zentralpräsident des SSV.

Von den übrigen Zentralpräsidenten bzw. Mitglieder des Zentralkomitees dürften noch weitere Altherren einer Schweizer oder ausländischen Studentenverbindung gewesen sein, doch liegt dieses Forschungsfeld bislang noch brach. Dies gilt einerseits für die Mitglieder der Schiess-Sektionen der Zofingia Genf, Lausanne, Basel und Bern, da die Geschichte dieser Untersektionen bislang nicht weiter erforscht wurden. Und dies gilt andererseits für die Mitglieder der übrigen schweizerischen Sudentenverbindungen. Die Erforschung der Doppelmitgliedschaften in Studentenverbindungen und im Schützenwesen bedeutet konkret, die Mitgliederverzeichnisse der einzelnen Verbindungen durchzugehen und sie mit den Vorständen des SSV und der kantonalen Schützenverbände zu vergleichen. Also eine langandauernde Recherche, die einer Sisyphosarbeit gleicht. Ob sie jemals durchgeführt und abgeschlossen werden wird?

Peter Weber, Sammlungsverantwortlicher im Schützenmuseum

 

Fotografie: Henry Druey (Quelle: Helvetia Vaud