19.02.2021: Ein Plädoyer für kleine Museen

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Nach meinem Staatsexamen im Herbst 2005 lag meine Zukunft gradlinig und klar vor mir. Da das Leben aber mitunter unerwartete Wendungen bringt, finde ich mich heute statt im Gerichtssaal, mit Schutzmaske ausgestattet im Museumsdepot wieder. Fürsprecherin bin ich aber trotzdem geblieben:

In der Schweiz gab es gemäss Museumsstatistik im Jahr 2019 1’129 Museen. Die 60 meistbesuchten Museen (ab 50'000 Eintritten) verbuchten im Berichtsjahr 63,3% aller Gesamteintritte. Die meistbesuchten Museen sind gleichzeitig auch das, was man gemeinhin unter einem «grossen Museum» versteht. So etwa das Landesmuseum in Zürich oder die grossen Schweizer Kunstmuseum, darunter solche mit Weltruf. Daneben gibt es 263 Museen mit mittlerer Besucherzahl (5’000 bis 49'999 Eintritten) und 806 Museen mit geringer Besucherzahl (weniger als 5'000 Eintritte). Mit anderen Worten: beim allergrössten Teil der Schweizer Museen – nämlich bei 94,7 Prozent – handelt es sich um mittlere und ganz besonders um kleine und kleinste Museen.

Das Schützenmuseum verzeichnete im Jahr 2019 5'098 Eintritte (2018: 5'395) und gehört daher zwar knapp, aber immerhin die die Kategorie der sog. «mittleren Museen». Wenn man bedenkt, dass von den rund 5'000 Eintritten ganze 2'025 auf einen einzigen Abend entfielen, nämlich die Berner Museumsnacht (2018: 2'311), bleiben 3'073 reguläre Eintritte (2018: 3'083) und das Haus fällt damit eigentlich in den «grossen Topf» der «kleinen Museen».

Ist von «Museum» die Rede, denken die meisten Leuten aber eben unweigerlich an die «grossen». Das ist wenig erstaunlich und hängt nicht nur, aber auch mit der Berichterstattung zusammen. Verfolgt man dieselbe, etwa in den einschlägigen Berner Medien, könnte man durchaus auf die Idee kommen, dass es in Bern 1. nur eine Handvoll Museen gibt und diese 2. auch noch alle in der Stadt Bern stehen.

Nun ist es so, dass der Kanton Bern (im museumstechnischen Sinne gesprochen) natürlich nicht nur aus der Stadt Bern besteht. Alleine der Verein der Museen im Kanton Bern mmBE zählt über 130 Mitglieder. Die meisten davon kleine und kleinste Institutionen im Sinne der obigen Definition. Und wie die grossen haben auch sie den Anspruch, ihre Sammlungen fachgerecht zu betreuen, ein Programm anzubieten und ihr Thema zu vermitteln. Das braucht Zeit und das braucht Geld. Öffentliche Gelder fehlen vielfach oder sind nur sehr beschränkt zugänglich, die Budgets entsprechend klein (in einem mir bekannten Fall reichte es nicht einmal für einen Internetanschluss aus). In der Kultur wird gespart und meistens sind es dann nicht diese Institutionen, die sich an den Honigtöpfen bedienen dürfen. Vor diesem Hintergrund ist es umso beachtlicher, was sie Aussergewöhnliches leisten (vielfach übrigens Dank dem Einsatz von Freiwilligen, die sich unentgeltlich für die Sache engagieren),  und umso bedauerlicher, dass das oftmals gar nicht wahrgenommen wird.

Man darf sich natürlich zu Recht die Frage stellen, ob es so viele Museen überhaupt braucht und ob es nicht reicht, wenn man es bei den paar grossen städtischen belässt, oder meinetwegen bei gar keinen. Ich wage zu behaupten, dass es dann still würde. Kultur verbindet, erfreut, erstaunt. Kultur ist bunt und breit und spannend, wenn sie entdeckbar bleibt. Und das ist sie besonders dann, wenn sie vielfältig ist.

Die Museen dürfen voraussichtlich, das ist im Moment der Plan, im März wieder öffnen. Das gilt nicht nur für die 60 grossen, sondern auch für die +/- 1‘069 kleinen. Nehmen Sie den pandemisch bedingten Umstand, dass die Mobilität bis auf Weiteres auf einem tiefen Niveau gehalten werden soll, zum Anlass, einmal das Museum «ums Eck» zu besuchen, wie Sie es eigentlich schon lange mal wollten, dazu aber nie Zeit fanden. Ich bin zuversichtlich, dass Sie das eine oder andere entdecken, das Sie staunen lässt. Die Museumslandschaft hat viel mehr zu bieten als gemeinhin angenommen (Beweis: Rundbriefe mmBE).

Regula Berger
Direktorin im Schweizer Schützenmuseum und Fürsprecherin für die kleinen Museen, nicht nur, aber auch in ihrer Funktion als Vorstandsmitglied, seit 2019 Präsidentin a. i. des Vereins der Museen im Kanton Bern mmBE